Die Spinne

Texte (c) 1999, Cornelia Savory-Deermann


Die Spinne erzeugt einen Faden, aus dem sie sich ein Netz webt. Dies ist ihr symbolprägendes Element. Ihr Netz wird einerseits positiv als das Netz gedeutet, das die Welt erschafft und zusammenhält, andererseits aber auch negativ als todbringendes Fangnetz.

Die Weltenweberin

Das Vermögen der Spinne, aus ihrem Leib heraus einen durchscheinenden Faden erzeugen zu können, der so lang und stabil ist, daß sie damit ganze Netze weben kann, hat die Menschen seit je fasziniert. In vielen Mythen wurde sie wegen dieser einmaligen Fähigkeit zum Sinnbild des Schöpfers oder der Schöpferin.

In den ältesten Mythen der Hopi-Indianer heißt sie Kokyangwuti, das Spinnenweib. Der Schöpfer Taiowa hatte Sotuknang geschaffen und ihm die Aufgabe gegeben, aus der Leere die Raumzeit zu gestalten und alles das zu sammeln, das sich als feste Erde oder als Wasser offenbaren wolle. Als dies getan war, schuf Sotuknang Kokyangwuti, das Spinnenweib. Sie sollte auf der Erde als seine Helferin bleiben und dort Klang, Bewegung und Leben schaffen. „Es ist dir das Wissen, die Weisheit und die Liebe gegeben, alles, das du erschaffen wirst, damit zu segnen. Deshalb bist du hier." „Also sammelte Spinnenweib Erde und mischte sie mit der Feuchtigkeit ihres Mundes. Sie formte die Erde und bedeckte sie mit ihrem Umhang aus weißer Substanz, der die schöpferische Weisheit selbst war." (James N.Powell)

Die Indianer des Nordwestens erzählen, die Spinne habe von der anderen Seite der Welt das Feuer geholt. Sie trug es in einem selbstgewebten Korb auf ihrem Rücken herbei. In diesen Mythen heißt es auch, sie webte ein großes, großes Netz, das alle Dinge zusammenhält und der Erde ihre Form gibt. - Dies läßt sofort an das geographische Koordinatennetz unserer Zeit denken.

In den indogermanischen Schöpfungsmythen tritt die Spinne nicht als Tiergöttin oder Dämon auf, sondern sie ist antropomorph. Als die Dreifache Schicksalsgöttin spinnt sie ihre Fäden, die die Schicksalsfäden eines jeden Menschen sind. Im germanischen Kulturkreis lebt sie in den drei Nornen, im griechichen Pantheon hat Athene ihre Rolle als göttliche Spinnerin übernommen.

Die erste Norne, Urd, begann den Lebensfaden eines Menschen zu spinnen. Ihr Name Urd bedeutet Erde, aber auch Wurzel. Die Vorsilbe ur (Ursprung, uralt usw.) hat die gleiche Bedeutung.

Die zweite Norne, Werdandi, webte das Lebensmuster, das Schicksalsnetz des Menschen aus diesem Faden. Ihr Name Werdandi bedeutet werdend, (engl.wyrd: Schicksal). Da in dieses Netz das gesamte Lebensschicksal eines Menschen eingewebt war, ließ sich aus ihm natürlich auch die Zukunft ablesen. Dies Bild gibt uns ein Gefühl dafür, wie sehr sich die damaligen Menschen einem vorbestimmten Schicksal ausgeliefert sahen.

Die dritte Norne, Skuld, schnitt den Lebensfaden durch. Sie war die Todesgöttin. Von ihrem Namen Skuld leiten sich die Worte Schuld, Kult, Kultur und auch Schädel ab. Sie war namengebend für Skandinavien, und die Skalden, die alten Schamanendichter, waren ihre Priester. In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie sehr jede Kultur auch aus dem Bedürfnis geboren wird, eine Erklärung, eine Hilfe zu finden, um mit dem Phänomen des Todes fertig werden zu können.

In Griechenland war die Spinne das Totemtier Athenes. Athene galt weniger als Schicksalsgöttin, sondern vielmehr als die Göttin des Geistes und der Kultur. Dies ist der Beginn des geschichtlichen Prozesses - bis hin zur Demokratie und zur Psychoanalyse - den einzelnen Menschen selbst als den Webmeister vieler seiner Lebensbedingungen zu sehen.-

Im Mittelalter galt die Spinne, da sie weibliche Macht symbolisierte, als Hexentier. Nur die Kreuzspinne, da sie eben ein Kreuz auf dem Rücken trägt, war ein gutes Omen.

Ein modernes Beispiel der Spinne als Weltenweberin

aus dem Gedicht „Quartär" (1948) von Gottfried Benn:

Riesige Hirne biegen

sich über ihr Dann und Wann,

sehen die Fäden fliegen,

die die alte Spinne spann,

mit Rüsseln in jede Ferne,

und an alles, was verfällt,

züchten sich ihre Kerne,

die sich erkennende Welt.

Einer der Träume Gottes

blickte sich selber an.

Blicke des Spiel, des Spottes

vom alten Spinnenmann,

dann pfückt er sich Asphodelen

und wandert den Styxen zu -,

laß sich die Letzten quälen,

laß sie Geschichten erzählen -

Allerseelen -

Fini du Tout.

Maya - das Spinnennetz

In der indischen Mythologie wird Gott - Brahman - zur Welt, wodurch diese wiederum zu Gott wird. Dieses ewige Spiel Gottes mit sich selbst als der Welt heißt „Lila". Brahman ist der große Magier-Gott, der sich durch seine Kraft, „Maja" genannt, in diesem Spiel immerwährend neu in die Welt verwandelt. „Maya" meint im Rig-Veda, dem ältesten Weisheitsbuch Indiens, durch Magie die Welt machen. F.Capra erklärt in seinem Buch „Das Tao der Physik": „Maya bedeutet daher nicht, daß die Welt eine Illusion ist, wie oft fälschlicherweise behauptet wird. Die Illusion liegt lediglich in unserer Betrachtungsweise, wenn wir denken, daß die Formen und Strukturen, Dinge und Vorgänge um uns herum Gegebenheiten der Natur sind, anstatt zu erkennen, daß sie Begriffe unseres messenden und kategorisierenden Verstandes sind. Maja ist die Illusion, diese Begriffe für das Wirkliche zu halten, die Verwechslung der Landkarte mit dem Land."

Ein indisches Symbol für „Maya" ist das Spinnennetz mit der Spinne in seiner Mitte. Das Spinnennetz ist symmetrisch und radial angelegt, es gilt deshalb als Sinnbild der kosmischen Ordnung. Die Körperform der Spinne bildet eine 8. Ihre acht Beine, jeweils rechts und links zwei nach vorne und zwei nach hinten gehalten, multiziplieren diesen optischen Eindruck der 8. Die liegende 8 ist das Unendlichkeitssymbol. Im Zentrum des Netzes, das die kosmische Ordnug symbolisiert, liegt also dieser Unendlichkeitsschlüssel als Wesensmerkmal des Ganzen.

Die Spinne wird die Weberin „Maya" genannt, die diese kosmische Ordnung so kunstvoll in und mit unserer Sinnenwelt nachwebt, als wäre ihr Werk diese Ordnung selbst. Die Spinne selbst sitzt im Zentum, genau so, wie der Mensch sein Ich als Mittelpunkt seines Selbst, als seinen zentralen Machtpunkt erlebt. Dieses Symbol sagt psychologisch betrachtet aus, daß sich jeder Mensch aus seinem Ich heraus sein eigenes Modell der Wirklichkeit, als Abbild der unendlich dimensionierten und damit unfaßbaren Wirklichkeit an sich, erwebt - das heißt erschafft. Und es gibt unendlich viele Ichs, so wie auch das die äußere Form des Spinnenkörpers (als liegende 8) symbolisiert. Die Volksweisheit hat mit ihrem Spott „der spinnt ja" genau diesen Symbolgesichtspunkt der Spinne aufgegriffen. In der schamanischen Tradition heißt es, viele tausend Seelen, oder Geister, würden in einem Menschen wohnen. Diese Geister kann man sehr gut als „Ichs" übersetzen. Wäre sich jedes dieser Ichs darüber im Klaren, daß sein Bild der Welt „Maya" ist, aber eben nicht die Welt an sich - dann wäre das Leben mehr Spiel statt Spott, mehr „Lila" statt blutrot.

Da die Spinne nicht immer nur im Zentrum ihres Netzes sitzt, sondern es auch ganz ablaufen kann, wird sie in den Upanischaden nicht nur als Symbol von „Maya" beschrieben, sondern gleichzeitig auch als das Symbol des Gegenteils, nämlich der geistigen Befreiung. Der Standpunkt, die Axiome und die Perspekiven, aus denen die Welt betrachtet wird, können vom Menschen nach freier Entscheidung jeder Zeit gewechselt werden. „Maja", die Illusion, ist durchschaubar --- sie ist ja schließlich nur ein tatsächlich durchsichtiges Spinnengewebe.

Das todbringende Fangnetz

Die Spinne webt ihr Netz, um Beute zu machen. Wer sich darin verfängt, wird von ihr umklammert und ihm wird das Leben bei lebendigem Leibe ausgesaugt. Außerdem verspeist sie gelegentlich nach der Begattung ihr Männchen. Diese Verhaltensweisen ließen sie zu einem Monster, zum Inbegriff des Schreckens und der Todesangst werden.

Sigmund Freud deutete die spontane Angst, die manche Menschen vor Spinnen haben, entsprechend der patriarchalen Kultur, in der lebte, als Angst vor einer übermächtigen, oft im übertragenen Sinn kastrierenden Mutter; das Weibliche als das alles Verschlingende im Symbol der Spinne.

J.R.R.Tolkien beschreibt die Riesenspinne „Kankras" in seinem modernen Mythos „Der Herr der Ringe" als Ausbund ekelerregender, stinkender, gefräßiger, dunkler und bösartiger Schwerfälligkeit. „Sie diente niemandem außer sich selbst, trank das Blut von Elben und Menschen, aufgedunsen und fett geworden bei endlosem Brüten über ihren Schmäusen, Netze aus Schatten webend. Denn alle Lebewesen waren ihr Nahrung und ihr Erbrochenes Dunkelheit... Doch keiner vermochte wie sie, Kankra, die Große, die unglückliche Welt zu plagen."

Die Riesenspinne ist zugleich Tod, Krankheit und Irrsinn. Ihr Netz sind die Dunkelheiten, die Dämonen der Seele der Welt.

Das Internet

Heutzutage ist das Spinnennetz Modell für nichtlineare, nämlich für vernetzte Kommunikation, für das „World Wide Web" (Weltweites Netz), das „Internet" (Verbindungsnetz) geworden. Im Grunde funktioniert dieses Informationssytem gleichartig wie das Spinnennetz: an jeden Punkt dieses Netzes kann die Spinne - wie der „User" (Benutzer) - erfahren, was an jeder beliebigen anderen Stelle des Netztes geschieht, „eingegeben" wird. Statt einer Fliege oder anderer Nahrung handelt es sich im Internet um Informationen beliebiger Art.

Das Denkmodell einer vernetzten, und nicht mehr das einer linear-kausalen Welt, läßt uns Systemprozesse, wie zum Beispiel das Wettergeschehen oder auch seelische Entwicklungen, beschreiben und manchmal sogar verstehen.

So gesehen sind die Spinne und ihr Netz ein hochaktuelles Symbol - weit über das begrenzte Weltbild der klassischen Physik hinaus - geworden. Sie symbolisieren wesentliche Aspekte des Weltmodells, das die Erkenntnisse der Quantenpysik uns zu akzeptieren lehren: das Universum ist keine Kette von Ursachen und Wirkungen, Raum und Zeit sind keine „a priori Bedingungen" der Existenz, sondern die Welt ist ein "Netzwerk" vielseitiger, multidimensionaler Wahrscheinlichkeiten...

Die Vorstellung, daß tatsächlich alles - wie über Netzknotenpunkte - alles beeinflußt, daß die Welt so gesehen ein einziges Kontinuum darstellt, ist nur neu für uns westliche Menschen. Sie wurde schon sehr früh und sehr schön im Avatamsaka-Sutra-Mythos des Mahayana- Buddhismus formuliert. Dort heißt es von Indras Netz:

"Im Himmel von Indra sei ein gigantisches Netz, das in jedem seiner Knotenpunkte eine spiegelnde Perle in sich trägt. Durch die Spiegelung ihrer unmittelbaren Nachbarn spiegelt jede Perle die Unendlichkeit aller Perlen in den äußersten Räumen des Gesamtnetzes, weil jede Perle das Spiegelbild ihres Nachbarn in sich trägt." Daniela Heisig schreibt dazu: "Dieses Gleichnis eines Netzes spiegelt das - chaostheoretische aber auch uralte - Prinzip vom Mikrokosmos im Makrokosmos wieder."

Traumfänger

Eine junge Frau zeigt ihr Traumfängernetz, und sie erzählt:

Ich träumte von einer glänzenden, lichterfunkelnden großen Facettenkugel, die mir sagte, sie sei der Geist aller Spinnen. Jede Erinnerung der Welt speichere sie in ihren Netzen, kein Signal, keine Resonanz ginge verloren, denn alles sei überall, und von jeher zu immer, in ihren Spinnennetzen gegenwärtig. Sie reichte mir ein feingewebtes Traumfängernetz. Das solle ich im Traume nutzen, mir damit von den Erinnerungen und Möglichkeiten der Welt Fragen und Freuden zu fangen suchen, wie es mir gefalle.

Die junge Frau meint weiter:

Die Spinne weist euch den Zugriff zur Welt hinter der Welt. Sie führt euch zu vergessenen Archetypen, zu verlorenen Archiven - zur Arche Noah eurer Seele. Was auch immer ihr in eurem Traumfängernetz ins Wachsein bringt - beachtet es.


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