Die Quellen : Mythen und Märchen, Riten und Bräuche, Gedanken und Träume

(c) 1999, Cornelia Savory-Deermann


Dieses Buch will exemplarisch und erzählerisch über die Tiere und ihren symbolischen Wert für uns Menschen informieren. Quer durch Zeiten und Kulturen soll ein Eindruck davon vermittelt werden, was Tiere uns bedeuteten und was sie uns auch heute noch sagen können.

Da jeder von uns ein Märchen, ein Tier, eine Erfahrung so erlebt, wie seine Psyche und seine Erfahrungen es ihm weisen, kann es gar keine tatsächlich umfassenden und objektiven Erklärungen und Deutungen geben. Sogar Definitionen sind beliebig festlegbar, man verständigt sich sozusagen - sei es im Rahmen einer Gesellschaft oder einer Wissenschaft - darauf. Die folgenden Texte über die Symbolwerte einzelner Tierarten stellen deshalb gar nicht erst den Anspruch, das Thema umfassend zu behandeln. Sie können - und wollen - hinweisen, Schwerpunkte setzen, Zusammenhänge erklären, auch altes und kulturell verdrängtes Wissen exemplarisch wieder bewußt machen. Mein Wunsch wäre, daß jeder von Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, beim Lesen das eine oder andere „Aha-Erlebnis" haben könnte und zu eigenen Gedanken und Deutungen angeregt würde. Mein noch größerer Wunsch ist es aber, mit diesen Texten dem Respekt und der Liebe zu den Tieren zu dienen, denn sie sind unsere Mitbewohner auf der Erde. Ohne sie würden wir innerlich wie äußerlich sehr verarmen.

Als Quellen dienten mir Kulturgeschichtsbücher sowie Märchen, Mythen und gelegentlich Träume. Eine ganz besonders wertvolle Fundgrube war darüber hinaus das „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" von Hanns Bächtold-Stäubli.

Da in den Bildern von Maggie M.Roe die Ornamentik besonders der Nordwest-Indianer vorherrscht, wollte ich auch in meinen Texten dem indianischen Denken und ihren magischen Traditionen viel Raum gewähren. Dazu kommt, daß in kaum einer anderen heutigen Kultur Tieren so viel Achtung und Aufmerksamkeit geschenkt wird, wie in der indianischen. Die Schwerpunkte bei den Symbolbeschreibungen, ihrer Deutung und Wertung bilden demnach der indogermanische, das heißt der eurasische und der indianisch- nordamerikanische Kulturraum.

Die einzelnen Tierkapitel gestalteten sich, ohne daß ich dies bewußt gesteuert hätte, sehr unterschiedlich.

So wie die Farben, die Mandalas und die Dynamik der Bilder von Maggie M.Roe die Bedeutung des gemalten Tieres für uns ausdrückt, so spiegelt sich in den Tierkapiteln nicht nur im Inhalt, sondern

manchmal schon in ihrem Aufbau und in ihrer Sprachsetzung unwillkürlich seine Symbolkraft. Die Eule z.B. versinnbildlich unseren Wissensdurst und Sehnsucht die dunklen und angsteinflößenden Geheimnisse des Daseins und des Todes zu durchdringen. So wunderte es mich nicht, daß sich im Kapitel über sie, fast von ganz allein, „Wissen" angesammelt hatte. - Der Wal spiegelt uns unsere Freiheitsliebe und ein tiefes Gefühl spielerischer Lebensfreude. Wie meine Schwester Marcella - die alles Korrektur gelesen hat, und die als meine Beraterin mein Schreiben begleitete - sagt, ließe sich das Kapitel über den Wal dagegen ein wenig wie eine rollende Meereswelle lesen.

Märchen und Mythen lassen sich sehr unterschiedlich deuten. Je älter, je archetypischer sie sind, um so mehr ähneln sie Träumen. Sehr viele Märchen aus der Sammlung der Gebr.Grimm sind solch uralte, symbolhafte Beschreibungen elementarer seelischer Prozesse. Dazu gehören das Erwachsenwerden, der Entwicklung der Liebesfähigkeit, der Selbstwerdung durch Überwindung vordergründigen, klein dimensionierten Ichdenkens und durch Integration verdrängter Wesensanteile. Diese Märchen lassen sich wunderbar, so wie viele Träume auch, auf der Subjektstufe deuten, das heißt, alle Figuren, die auftauchen, werden als Teilaspekte der Persönlichkeit des Träumers, oder des Märchenhelden -der Märchenheldin, betrachtet. Diese Teilaspekte agieren im Märchen miteinander, indem sie Aufgaben bewältigen oder die Lösung von Rätseln finden müssen. Ist dies geschafft, so wird „Hochzeit gefeiert", das heißt, der Held oder die Heldin haben ihre divergierenden Persönlichkeitsaspekte sozusagen in Liebe miteinander in sich selbst versöhnt. Sie haben damit ihr „Selbst" gefunden. Das „Selbst" ist der Archetyp der Ganzheit einer Persönlichkeit. In den Märchen wie in der Psychotherapie wird es als das Ziel verstanden, im Leben immer mehr „man selbst", eine heile, eine geheilte, ganzheitliche Persönlichkeit zu werden.

Bei dieser Art der Märchendeutung verwende ich Begriffe, wie sie von C.G.Jung und seiner Schule definiert wurden. Als „Archetypen" werden Muster, Motive und Gestalten bezeichnet, die universelle, kollektive und sehr grundsätzliche Seelenenergien symbolisieren. Solche Archetypen sind z.B. „Anima" und „Animus". Sie repräsentieren den inneren weiblichen bzw. männlichen Wesensanteil. Jung verstand hier unter „weiblich" primär Eros, unter „männlich" Logos. Er bezeichnete als Anima und Animus aber nur die jeweils gegengeschlechtliche und deshalb meist unbewußte Seite in jedem Menschen. In der neueren Forschung erweiterte besonders D.Heisig diese Begriffe zu mehr Allgemeingültigkeit, denn sie betrachtete die Bedeutung von Anima und Animus auch unabhängig vom Geschlecht desjenigen, dem sie in Träumen oder in Alltagprojektionen begegnen. Sie kristallisierte Anima sehr klar als Archetyp alles Lebendigen heraus, als die Energie des ewigen Werdens, möchte ich sagen. Ich folge in diesen Texten ihrer Animadefinition.

Ein weiterer, ganz bedeutender Archetyp ist der „Schatten". Unter ihm versteht man die Wesensanteile des Menschen, die er nicht im Licht seines Bewußtsein sehen kann, die, bildlich gesprochen, der Schatten seiner ihm erkennbaren Eigenschaften sind. Ein Beispiel: eine stets liebevolle und überaus fürsorgende Mutter hält sich vielleicht für nur „gut" und sieht nicht, daß sie möglicherweise mit ihrer Güte auch Herrschaft ausüben will. Denn eine so „gute" Mutter darf doch ein „gutes" Kind nicht enttäuschen und es andere Wege gehen lassen, als es die Mutter für richtig hält. Dieser verborgene Anspruch, das Kind zu beherrschen, wäre dann der Schatten dieser Mutter. Im Märchen würde dieser Schatten typischer Weise zur Stiefschwester der Mutter oder zur Stiefmutter der Kinder ausgestaltet werden.

Der Archetyp des „Inneren Kindes" spielt in Märchen auch häufig eine Rolle. Unter diesem Begriff versteht man die wunderbare Offenheit und Vorurteilslosigkeit, die Kinder noch der Welt und ihren Erscheinungen gegenüber haben, aber auch die Unfähigkeit, volle Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Der Archetyp der „Alten Weisen" und des „Alten Weisen" sind ebenfalls beliebte Märchenfiguren. Sie symbolisieren Reife und tiefes Wissen um weibliche bzw. männliche Lebensenergien.

Alle diese Archetypen werden in den zitierten Grimmschen Märchen, je nach Zusammenhang, durch die unterschiedlichsten Tiere symbolisiert. Der Rabe z.B. steht in einem Märchen für den in den Schatten geratenen Animus, in einem anderen versinnbildlicht das Reh das Innere Kind. In wieder anderen Märchen ist ein Hengst der Alte Weise, die Bienenkönigin ist Amina in ihrem Erosaspekt, und der Esel symbolisiert den harten Arbeitsweg zum Selbst.

In meinen Deutungen gehe ich nicht nur auf die Rolle des jeweiligen Tieres in dem Märchen ein, weil ich glaube es ist wichtig und sinnvoll, den psychologischen Gesamtzusammenhang aufzuzeigen, in dem die Tiere ihre symbolische Bedeutung erhalten haben.

Zum Ende jedes Kapitels, vor der Bildbeschreibung, lasse ich eine „Medizinfrau", einen „Alten Mann" oder sonst jemanden eine Botschaft, eine Empfehlung aussprechen. In dieser Figur bin ich selbst versteckt. Ich sage das, was mir zu dem jeweiligen Tier besonders wichtig, angebracht, sinnvoll, hilfreich oder auch einfach nur schön erscheint. Eine Medizinfrau oder Medizinmann habe ich dann als Maske gewählt, wenn meine Gedanken indianischer Weisheit folgten.


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